Die Körperlosen

Eine Apparatur zur Aufdehnung der Lider lies die Augäpfel weit hervorquellen. Normalerweise kleine kaum sichtbare Adern waren angeschwollen und hatten sich in pulsierende Röhren verwandelt, die sich durch das feuchte Weiß der Augen spannten. Mit der Aufdehnung der Augen wurde vermieden das Sichtfeld unnötig zu beeinträchtigen. Wie es normal durch einen schwarzen Rahmen geschieht, der von den Höhlen, in denen Augen zu liegen pflegen, herrührt.

Bei diesem Exemplar lebenden Geschöpfs waren die Knochenschwülste über und unter den Augen bereits nach der Geburt abgebunden worden und bildeten nun eine flache Ebene, deren einziges markantes Merkmal ihre gnadenlose Unmarkantheit war. Die Nase der Kreatur war operativ entfernt worden und zwischen den vorquellenden Augen zierten zwei schwarze Schlitze das Gesicht. Falls es denn noch ein Gesicht war.

Der abstoßende Anblick der Person ohne Augenlieder oder Nase oder subjektiver Eigenschaften wurde von einer metallenen Maschinerie auf dem Schädel abgerundet. Diese sonderte in regelmäßigen Abständen Flüssigkeit ab um die Feuchtigkeit der Augen aufrechtzuerhalten.

Jeder Zentimeter Haut war geschwärzt.

Die beiden Narben auf dem Brustkorb liesen vermuten, dass es sich bei dem Geschöpf um eine Frau handelte oder gehandelt hatte.

Die genannte Ausgeburt menschlichen Albtraumes entstammte einem Volkstamm, der sich selbst als die Körperlosen bezeichnete. Sie lebten und verlebten auf einem erloschenen Vulkan. Nichts wurde so sehr von ihnen verachtet wie der Besitz eines Körpers, was sie eindrucksvoll treffend in ihrer Bezeichnung als Körperlose zum Ausdruck brachten.

Direkt nach der Geburt umwickeln sie die Schädel ihrer Neugeborenen mit einer speziellen Technik, um den noch weichen Knochen in eine Form zu zwingen, die Augen entstehen lässt, die von keinerlei Knochengerüst ummantelt sind. Dies soll eine Sicht auf die Welt ermöglichen, die nicht jede Sekunde die Anwesenheit eines Körpers bestätigt. Aus dem gleichen Grund wird mit dem dritten Lebensjahr auch die Nase entfernt. Dieser folgen zwei Jahre später außen liegende primäre Geschlechtsorgane und mit Abschluss der Pubertät auch die weibliche Brust.

In ihrer Kindheit lernen die Körperlosen eine Gangart, deren Eigenheit von außerordentlich kleinen Schritten ausgemacht wird, um auch die Füße und Beine nicht in das Sichtfeld vordringen zu lassen.

Ihre Haut wird mit Nadeln und Tinte geschwärzt um sich äußerlich so gut wie möglich dem Vulkangestein anzupassen.

Sich besuchen täglich den Unterricht, der vom Stammesobersten gehalten wird. Hier erhalten sie Aufschluss über die Lehre der Körperlosen. Einer Art tiefen Wunsch kein eigenständiger Organismus zu sein sondern Eins zu sein mit der Welt, mit dem Leben. Dem Leben und seinem Anfang ,aber auch dem Leben und seinem Ende.

Die Körperlosen besitzen keine Namen, sie besitzen auch kein Recht zu einer Persönlichkeit, sie besitzen nur sich als Teil einer Gemeinschaft und die Aufgabe zu dienen. Den singenden Steinen auf der Spitze des Berges.

Dort sitzen die alten des Volks und alle, die nach Abschluss ihrer Verwandlung zum Körperlosen noch einmal dieselbe Summe an Jahren, die ihre Verwandlung für sich beansprucht hat, gedient hatten.

Auf hohen Steinen sitzen sie dort, kniend mit zum Himmel gewandtem Gesicht und mit geschlossenen Mündern singend. Sie summen den Ton, der in sich selbst Sinn ist und von allem berichtet und von nichts. Ein Ton der vergänglich war und jedes Herz durch seine Schönheit mit Angst erfüllte er könnte erlöschen. Ein Ton, der bitter schmeckte und doch wie Honig dickflüssig und süß in jedes Ohr fließt, tropft, es verstopft und unempfänglich macht für alles andere und auf seine Art und Weise taub macht und doch hörend. Der Klang war wie Arme die einen ganz und gar aufnehmen und mit Liebe erfüllen. Mit dieser Liebe, jedem Moment gegenüber, erteilte er die Erlaubnis Dinge enden zu lassen, denn Dinge müssen enden, damit andere beginnen können. Gleichermaßen brach der Ton jede Sekunde ab um genauso wieder zu entstehen, denn Töne sind nicht, sie werden, sind nicht Substanz, sind Prozess.

Dieser Laut war nicht nur Prozess, er war auch Verurteilung. Zwischen den singenden Gestalten liefen die Dienenden umher um Nahrung und Flüssigkeit zu reichen, während die anderen unbewegt weiter saßen, summten, mehr Steinen ähnelten als Menschen. Für die Dienenden war der Ton ein Gefängnis. Der Klang war Haft, aber nicht Einzelhaft, er war meisterhaft, zauberhaft. Er war Heimat, denn das Volk war ein Fluss, das in diesen Klang mündete, aber desgleichen war dies die Quelle dem es entsprang, denn er überflutete die Gemeinschaft schon bei der Geburt eines jeden. Er lag als samtige behütende Decke über dem Dorf und bevor der erste Körperlose ihn sang, da musste es jemand anderes gegeben haben, der ihn gesungen hat. Einen Gott der nun noch nachklang.

Und die Körperlosen wurden in ihm geboren, lebten in ihm und für ihn, starben bei ihm und mit ihm.

Als ich von meiner Expedition zurückkam und einem Freund mein Notizbuch eröffnete lachte er. Leben für einen einzigen Ton? Lächerlich!

Ich entgegnete nichts, ich schwieg und erinnerte mich an ihre Gesichter, entstellt, auf ihre Weise abstoßend, auf ihre Weise wunderschön. Gesichter, die von einem warmen Strahlen erfüllt waren und von einem sanften Lächeln.

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